{"id":285,"date":"2020-06-22T21:57:11","date_gmt":"2020-06-22T19:57:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/?p=285"},"modified":"2020-06-22T22:01:27","modified_gmt":"2020-06-22T20:01:27","slug":"vergabe-von-sozialwohnungen-modell-fuer-absolute-transparenz-und-mehr-service","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/2020\/06\/22\/vergabe-von-sozialwohnungen-modell-fuer-absolute-transparenz-und-mehr-service\/","title":{"rendered":"Vergabe von Sozialwohnungen \u2013 Modell f\u00fcr absolute Transparenz und mehr Service"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts seit Jahren steigender Mieten und Wohnungskosten in ganz Vorarlberg, besonders aber in den St\u00e4dten im Rheintal ist der Bau und die Verwaltung unserer gemeinn\u00fctzigen Wohnungen eine der wichtigsten und zentralen Aufgaben jeder Gemeindeverwaltung. Dornbirn war schon fr\u00fch eine der Vorzeigekommunen auf diesem Gebiet, viele der in Dornbirn entwickelten Vergaberegeln hat das Land als Vorbild in seine Richtlinien \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Trotzdem ist der Zuweisungs- und Vergabeprozess im Wohnungsausschuss immer wieder ein bizarres Schauspiel, werden doch Datensammlungen der Bewerber f\u00fcr die Wohnungen erst zu Sitzungsbeginn verteilt, um \u2013 ohne aus Zeitgr\u00fcnden echte Gelegenheit zu eingehenderem Studium der Unterlagen zu haben \u2013 dann rasche und daher kaum fundierte Entscheidungen treffen zu m\u00fcssen. Der Grund f\u00fcr dieses Vorgehen ist, so jegliche Einflussnahmen durch die Bewerber selbst oder ihnen nahestehende politische Funktion\u00e4re zu verhindern. Ein an sich lobenswertes Motiv.<\/p>\n<p>Die Stadt Dornbirn unternimmt massive Anstrengungen, die Digitalisierung als Mittel f\u00fcr raschere und servicereichere Dienstleistungen f\u00fcr die B\u00fcrger voranzutreiben. Daf\u00fcr wurde sogar ein eigenes Ressort im Stadtrat geschaffen. Da die Wohnungsvergabe einer der Prozesse mit den h\u00e4ufigsten B\u00fcrgerdirektkontakten ist, habe ich mir diesen mal auf M\u00f6glichkeiten auf digitale &#8220;Aufr\u00fcstung&#8221; angesehen. Als Unternehmens- und Organisationsberater bin ich es gewohnt, komplexe Prozesse in ihre Einzelkomponenten zu zerlegen, um dann jeden einzelnen Schritt zu pr\u00fcfen und zu hinterfragen. Und genau dabei bin ich auf etwas sehr Erstaunliches gesto\u00dfen!<\/p>\n<p>Auf der einen Seite gibt es Wohnungswerber, die je nach Anzahl der Personen, die wohnen wollen, einen entsprechenden Platzbedarf sowie ein verf\u00fcgbares Haushaltseinkommen haben. Auf der anderen Seite kommen neue oder freigewordene Wohnungen ins Spiel, die einen bestimmten Platz bieten und eine angemessene g\u00fcnstige Miete kosten. Das Zusammenf\u00fchren dieser beiden Faktoren Nachfrage und Angebot erfolgt durch Vorschlag des Wohnungsreferenten und Beschluss des Wohnungsausschusses, der daf\u00fcr recht h\u00e4ufig tagen muss. F\u00fcr die Vorschl\u00e4ge orientiert sich der Wohnungsreferent an einer Warteliste, die einem Punktesystem folgt und nach vorwiegend sozialen Kriterien, aber auch anderen Faktoren wie Dauer des Wohnaufenthaltes bisher die Wohnungswerber reiht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS1.png\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Obwohl jedem vern\u00fcnftigen Menschen klar sein sollte, dass Wohnungsnot ein soziales Problem ist, das jeden Menschen in Vorarlberg treffen kann, ist aus einem Evaluierungsbericht der Landesregierung 2017\/2018 zu entnehmen, dass etwa Wohnungssuchende mit \u00f6sterreichischer Staatsb\u00fcrgerschaft \u00fcberproportional zu Sozialwohnungen kommen, auf der anderen Seite etwa anerkannte Asylwerber stark unterproportional ber\u00fccksichtigt werden. Dies verbl\u00fcfft in einem streng objektiven Verfahren, in dem Nationalit\u00e4t oder Migrationshintergrund offiziell keinerlei Rolle spielen darf.<\/p>\n<p>Obwohl \u2013 offiziell zumindest \u2013 l\u00e4ngst ein Relikt vergangener Jahrzehnte, ist gerade im Wohnungsvergabewesen die politische Intervention ein sogenannter Klassiker: Das &#8220;Lied&#8221;: &#8220;Gib mir deine W\u00e4hlerstimme, dann geb ich dir eine Sozialwohnung!&#8221; haben weniger talentierte Regionalpolitiker mangels anderer guter Sachgr\u00fcnde hinter vorgehaltener Hand besonders gerne auf ihrem &#8220;Wahlkampfklavier&#8221; gespielt.<\/p>\n<p>Nach diesem Ausflug in die Vergabetheorie und \u2013praxis zur\u00fcck zu meiner Entdeckung: S\u00e4mtliche bewusste oder unbewusste Beeinflussungen einer rein objektiven bedarfsorientierten Vergabe setzen voraus, dass zum Zeitpunkt der Wohnungszuweisung pers\u00f6nliche Daten des Bewerbers (Name, Nationalit\u00e4t, Herkunft) zur Verf\u00fcgung stehen. Diese Daten sind zwar f\u00fcr die Feststellung der Identit\u00e4t und Erf\u00fcllung von Bewerbungskriterien n\u00f6tig, aber definitiv nicht f\u00fcr den Prozess der Wohnungszuweisung.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung: Durch strikte Trennung dieser beiden Prozesse kann ein 100% objektives Vergabeverfahren sichergestellt werden!<\/p>\n<p>Welche Stelle hat bereits die meisten Daten von Wohnungsbewerbern? Das Meldeamt. Wenn hier die \u2013 digital \u00fcber eine App oder auf Wunsch auch ganz pers\u00f6nlich \u2013erfassten Daten gepr\u00fcft und zusammengefasst werden, wird daraus ein Bewerberfile erstellt, das wir zum Beispiel &#8220;Wohnticket Dornbirn&#8221; nennen k\u00f6nnen. Das Wohnticket wird anonymisiert, etwa mit einem Synonym (Obst und Gem\u00fcsebezeichnungen bieten sich an, da hier ausreichend Begriffe zur Verf\u00fcgung stehen und selten wertende Assoziationen vorliegen) versehen und mit den errechneten Punkten in einer Datenbank abgelegt.<\/p>\n<p>Das Wohnungsamt erstellt wie bisher Datens\u00e4tze (bald) verf\u00fcgbarer Wohnungen. Diese werden mit den Bed\u00fcrfnissen der Wohntickets in der Datenbank abgeglichen und der &#8220;Match&#8221; mit den meistens Punkten zur Zuweisung vorgeschlagen. Im Sonderfall eines Durchmischungswunsches (Besserverdiener) k\u00f6nnen diese Sonderpunkte vor der Datenbanksuche eingegeben werden und werden automatisch und anonym ber\u00fccksichtigt. Das Wohnungsamt kennt die hinter den Wohnungstickets stehenden Identit\u00e4ten der Bewerber nicht, Interventionsversuche dort oder bei Funktion\u00e4ren scheitern automatisch, da technisch gar nicht m\u00f6glich!<\/p>\n<p>Durch die strukturelle Trennung von Wohnungs und Bewerberdatenbearbeitung entstehen im Wohnungsamt freie Kapazit\u00e4ten, die durchaus sinnvoll zur Bearbeitung des Wohnungsmarktes und etwa eines Leerstandsmanagements genutzt werden k\u00f6nnen. Genau diese Expertise ist ja genau dort vorhanden und kann nun viel besser eingesetzt werden. So komme auch noch mehr Objekte zur Vergabe!<\/p>\n<p>Nun kann ein weiterer Vorteil dieser Digitalisierung greifen: Standardzuweisungen von Wohnungen an Wohnungssuchende, die schlicht aufgrund des festgelegten Algorithmuses erfolgen, m\u00fcssen nicht mehr extra vom Wohnungsausschuss zus\u00e4tzlich best\u00e4tigt werden. Es gelangt nur mehr eine Information dazu in den Datenzugang der Ausschussmitglieder auf Dornbirn\/Sitzungen und kann dort nachgelesen werden. Ohne M\u00f6glichkeiten, manipulativ in die Vergabe einzugreifen, wird auch die entsprechende Kontrollfunktion obsolet. Die Zahl der zeitaufwendigen Ausschusssitzungen sinkt drastisch, der Ausschuss kann sich auf Sonderf\u00e4lle und allgemeine Wohnthemen konzentrieren.<\/p>\n<p>Jener gesch\u00fctzte Bereich der Datenbank, in dem Wohnungsticket das Synonym zugewiesen wird, ist zugangstechnisch voll verschl\u00fcsselt. Jeder einzelne Zugriff dort wird automatisch registriert und ebenfalls an alle Ausschussmitglieder kommuniziert. F\u00fcr einen eventuellen Zugriff ist die Eingabe eines zwingenden Grundes n\u00f6tig, der nur technischer Natur sein darf.<\/p>\n<p>Ein verbessertes Service f\u00fcr Wohnticketinhaber l\u00e4sst sich auch \u2013 dem Vorbild der Stadt Wien folgend \u2013 derart erreichen, dass zur Vergabe kommende Wohnungen mit Fotos und Pl\u00e4nen digitalisiert zug\u00e4nglich gemacht werden. Wohntickets, die im oberen Drittel der Punkte- und damit der Warteliste sind, werden auf diese Wohnungen aufmerksam gemacht und k\u00f6nnen eine Vorabbewertung abgeben. Gef\u00e4llt die Wohnung nicht, kann dies ohne weitere negative Folgen vermerkt werden. Dann wird bei der automatischen Zuteilung einfach auf den n\u00e4chstfolgenden passenden Platz auf der Liste zugegriffen. So bleibt alles fair und die Zufriedenheit steigt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS2.png\" alt=\"\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS3.png\" alt=\"\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS4.png\" alt=\"\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS5.png\" alt=\"\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS6.png\" alt=\"\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/062220_1956_VergabevonS7.jpg\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Um diese bisher nur grob skizzierte Idee nochmals &#8220;auf Herz und Nieren&#8221; und Gesetzeskonformit\u00e4t zu pr\u00fcfen, ist nun eine Machbarkeitsstudie und Detailpr\u00fcfung vorzunehmen. Anschlie\u00dfend ist diese Studie den zust\u00e4ndigen Gremien zu pr\u00e4sentieren. Bei Zustimmung ist dann ein Plan f\u00fcr die neuen Amtsstrukturen sowie ein Lastenheft f\u00fcr die IT-Abteilung vorzulegen. So steht einer Umsetzung dieser wohl auch f\u00fcr andere Gemeinden als &#8220;Vorzeigemodell&#8221; zu sehenden L\u00f6sung nichts mehr im Wege. Vorl\u00e4ufig nenne ich die Idee mal das &#8220;Demelius&#8221;-Vergabemodell.<\/p>\n<p><span style=\"font-size:8pt\">21\/06\/2020\/Ebi \/ Ideenrechte vorbehalten<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts seit Jahren steigender Mieten und Wohnungskosten in ganz Vorarlberg, besonders aber in den St\u00e4dten im Rheintal ist der Bau und die Verwaltung unserer gemeinn\u00fctzigen Wohnungen eine der wichtigsten und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[15,13,14,1],"tags":[63,22,61,62,60],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":287,"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions\/287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.demelius.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}